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​Das Ende der freien Wissenschaft?

In Deutschland hat sich im Februar 2021 das sogenannte "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet. Bei den Gründer*innen handelt es sich um rund 70 Wissenschaftler*innen an deutschen Hochschulen. Diese sehen die Freiheit von Forschung und Wissenschaft an deutschen Hochschulen in Gefahr.


In Deutschland hat sich im Februar 2021 das sogenannte "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" gegründet. Bei den Gründer*innen handelt es sich um rund 70 Wissenschaftler*innen an deutschen Hochschulen. Diese sehen die Freiheit von Forschung und Wissenschaft an deutschen Hochschulen in Gefahr.

Im Grundsatz teilt Campusgrün die Sorge vor wissenschaftsfeindlichen Einstellungen. Verbündet mit Rechten und Antisemit*innen haben Verschwörungstheoretiker*innen zuletzt Sympathien und Unterstützung bis tief in die selbsternannte "Mitte der Gesellschaft" erlangt. Diese Tendenzen zeichnen sich auch an Hochschule ab, wo Verschörungs-Gruppierungen wie "Studenten stehen auf" ihr Unwesen treiben oder Ableger der AfD zu Hochschulwahlen antreten.

Auch einige vom "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" angesprochenen Probleme sind durchaus diskussionswürdig. Die Fronten an einigen Hochschulen scheinen sich tatsächlich zu verhärten, die Debattenkultur ist teilweise reflexionsbedürftig. Auch die Problematik der Drittmittelabhängigkeit von Forschung und Lehre werden richtiger Weise aufgebracht.

Doch die Kritik des "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" richtet sich an andere Akteur*innen. In einem Interview spricht Migrationsforscherin Sandra Kostner von einer Gefahr durch politisierende Studierende und Wissenschaftler (sic!). Ausgerechnet die Genderstudies, die als Fach außerhalb der Hochschule massiv attaktiert werden, dienen dem Zusammenschluss als Zielscheibe einer angeblichen Einschränkung der Wissenschaft. Andreas Rödder, Historiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, fühlt sich in seiner Wissenschaftsfrieheit dadurch angegriffen, dass an seiner Hochschule gegendert geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. "Sprache ist Macht" sagt er, um seine angebliche Drucksituation zu beschreiben. Die Ironie seiner Argumentation scheint er nicht wahrzunehmen, während er das generische Maskulinum verwendet.

Auch bei der Kritik an der Drittmittelabhängigkeit nimmt die "Gesellschaft Wissenschaftsfreiheit" einen mindestens fragwürdigen Pfad. Rödder stellt die Verteilung von Drittmitteln durch die Gremien der Hochschule ins Zentrum der Kritik und warnt vor "Kartellbildung und Konformitätdruck". Damit verschleiert er in erster Linie das Grundproblem der Drittmittelabhängigkeit: Hochschulen machen damit Forschung und Lehre von wirtschaftlicher Förderung abhängig. Dies führt häufig dazu, dass Fächer, die kapitalistisch verwertbar sind, gefördert werden, während andere Fächer leer ausgehen. Rödder schiebt das Problem dagegen den Hochschulen selbst zu und kritisiert im Grunde die demokratische Verteilung von Mitteln durch die Mitglieder der Hochschulen. Einen Gegenvorschlag, der eine Mittelverteilung enthält, die der Wissenschaftsfreiheit eher gerecht wird, bleibt er dabei aber schuldig.

Die Mitglieder des "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" scheinen ein Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen zu sein, die vom gesellschaftlichen Wandel überfordert sind. Kritisiert wird vor allem, dass eigene Positionen überholt und nicht mehr konsensfähig sind. Für Wissenschaftler*innen in Nischengebieten, die Positionen abseits des Mainstream vertreten, ist dies schon seit langem Realität. Im Prinzip handelt es sich um einen Versuch, unter der angeblichen Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit eigene, oft erzkonservative Ansichten, weiter vertreten zu können, ohne Widerspruch zu ernten.

Gerade Rödder, seines Zeichens Schattenminister von Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz, muss sich wohl kaum Sorgen machen, dass seine Meinung nicht gehört wird. Dies beweist schon die Präsenz des "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" in der Medienlandschaft. Aber: Wer Bücher von Thilo Sarrazin vorstellt, das Gendern anderer als Eingriff in eigene Freiheiten versteht und in der Kritik daran eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit sieht, muss sich nicht wundern, im Diskurs weniger ernst genommen zu werden.

Programmatisch wie personell passend unterstützt der Ring Christlich Demokratischer Studierender (RCDS) das Bündnis. Der RCDS setzt sich schon seit langem gegen geschlechtergerechte Sprache ein. Die stellvertretende Bundesvorsitzende Franca Bauernfeind sieht durch Gendern und quotierte Redelisten die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Sie erkennt eine "Cancel Culture", wenn konservativen Postionen mit sachlichen Argumenten widersprochen wird. Kein Wort verliert der RCDS jedoch dazu, dass verfasste Studierendenschaften immer wieder durch rechte Gruppierungen und Parteien abgeschafft oder geschwächt werden sollen und so die Meinung der Studierenden unterdrückt wird. Gerade im Kontext des Strebens nach Meinungsfreiheit wird hier die antidemokratische Welle rückwärts unterstützt."Cancel Culture" erkennt der RCDS dagegen nur dort, wo die eigene Meinung kritisiert wird.

Beim RCDS sowie beim "Netzwerk Wissenschaftsfreiheit" wird insofern mit zweierlei Maß gemessen: So lange der gesellschaftliche oder wissenschaftliche Konsens auf der eigenen Seite steht und andere unter Druck setzt, wird er unkritisch hingenommen. Sehen sie sich selbst aber davon bedroht plötzlich aus aus dem Mainstream zu fallen und werden für ihre Ansichten kritisiert, wird das mit dem Untergang von Freiheiten gleichgesetzt. Insofern agieren die Gruppierungen genau so, wie sie es anderen vorwerfen: Durch den Vorwurf moralisierender Argumentationsmuster, die zu Kritikunfähigkeit führen würde, wird versucht, den Gegner*innen in der Debatte die Legitimation zu entziehen. Insofern müssen die Akteur*innen sich vorwerfen lassen, dass es manchmal besser ist, die eigene Situation zu reflektieren, bevor andere mit weitreichenden Vorwürfen konfrontiert werden.

Wir plädieren für einen kritischen und sachlichen Wissenschaftsdiskurs, der sich nicht aus Angst eine Argumentation zu verlieren ständig dem Begriff "Cancel Culture" bedient.

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